Nach über einem Jahr war es mir einmal wieder möglich, vor Ort im Projekt zu sein. Ich hatte mich kurzfristig entschlossen und war gespannt, was ich vorfinden würde. Zwar telefoniere ich regelmäßig, aber vor Ort kann die Realität doch anders aussehen, als am Telefon.

Im Ergebnis: Ich war einmal mehr überwältigt. Nicht nur von dem immer wieder bewundernswerten Engagement der Mitarbeiter/innen im Projekt. Jedes Mal überwältigt mich wieder die Vielzahl der unmittelbaren Eindrücke, die auf einen einstürzen vor Ort, die individuellen Schicksale der einzelnen Kinder, aber auch die des betreuenden Personals.  Dazu kommen Begegnungen mit den Eltern, neue therapeutische Ansätze, neue Einrichtungen, Auseinandersetzungen mit Behörden, Engpässe, Fortschritte, größte Lebens-Dynamik, Lautstärke, Kommen und Gehen den ganzen Tag, Lachen, Weinen, – für mich, bei 30-40 Kindern mit Eltern und Personal, wie gesagt; überwältigend.

Auch nach über 16 Jahren entwickelt sich das Projekt ständig weiter, wird auch professioneller, sowohl in der internen Organisation als auch in den therapeutischen Verfahren. Von etwa 12 Mitarbeiterinnen und einem Mann werden die 30-40 Kinder betreut in drei Gruppen, die Kleinen (4-8), die Mittleren (9-15) und die Großen (16+: das waren mal unsere Kleinen). Dabei hat sich in den letzten Jahren der dringlichste Betreuungsbedarf deutlich von sehbehinderten auf autistisch geprägte Kinder verschoben und damit auch die Mitarbeiterqualifikationen und therapeutischen Ansätze. Manche Kinder brauchen eine 1:1 Betreuung, sie können auch aggressiv oder laut werden oder laufen weg. Das kann manchmal sehr anstrengend sein. In kritischen Situationen kann sich das Personal abwechseln, das können die Eltern oft nicht. Dann wird es schwierig. Die Kinder werden ja ab 16:00h von den Eltern abgeholt und kommen in der Früh um 9:00h wieder.

Berichtet hatte ich in der Vergangenheit schon über die Arbeit mit klassischen Therapien wie Logopädie, Bewegungstherapie, „occupational therapy“ u.a.. Recht neu ist das 3C- Konzept. Dahinter verbirgt sich eine Kombination (siehe Bild) aus Bewegungskoordination, Konzentrationsübungen und Farbwahrnehmung (Concentration, Coordination, Color) in das auch ein Elternteil eingebunden ist. Interessant auch die Begeisterung der Betreuerin Olivia, die, selbst sehbehindert, sich in ein Ipad-gestütztes audio-visuelles Lernverfahren eingearbeitet hat, mit dem sie offensichtlich mit gutem Erfolg Kindern, die nicht oder wenig sprechen, das Lernen von Wörtern und ganzen Sätzen ermöglicht. Janina war als selbst Sehbehinderte nirgends gewollt und geht nun in der Arbeit mit den Kindern mit ihrer ganzen Lebensenergie auf, ist auch stolz, dass sie selbst den Umgang mit dem Ipad bewältigt hat – und die Kinder lieben sie.

Etwas reduziert werden mussten unsere Bemühungen mit Musik zu arbeiten. Es gelingt uns derzeit nicht, für unsere besonderen Kinder geeignetes pädagogisches Personal zu finden.

Interessant zu beobachten sind die Aktivitäten der Kinder mit Tieren, also Füttern, Sauber machen und Pflege von Hasen, Hühnern, einem Hund und vor allem der Umgang mit dem Pferd Amadeus. Alle Kinder reißen sich darum, auf dem großen Pferd zu sitzen und geführt eine Strecke zu reiten. Von den Kindern verlangt das: Bewegungskoordination, Selbstvertrauen, sich auf Unbekanntes einzulassen, körperlichen Kontakt mit dem Tier und auch der Wechsel zu einer neuen Tätigkeit, – gerade für autistische Kinder oft erhebliche Herausforderungen.

Im Projekt besteht jedoch Übereinkunft, dass, neben den genannten explizit „therapeutischen“ Ansätzen, der Interaktion unter den Kindern, dem Spielen, dem gemeinsamen Essen und den Pausen (ohne die üblichen Fernsehgeräte oder PCs) eine besondere Bedeutung zukommt, und vor allem auch dem Hinführen der Kinder an Tätigkeit des Alltagslebens. Also sind die Kinder regelmäßig dabei, im Garten und in den Gemüsebeeten mitzuhelfen, immer natürlich, nach ihren individuellen Möglichkeiten, in der Küche beim

Pizza- oder Kuchenbacken, oder beim Reinigen der Räume. Sie gehen in den Supermarkt einkaufen, fahren mit dem Bus, für viele ein erst- und einmaliges Erlebnis.

Dass die Kinder zu Hause oft viel vor einem Fernsehapparat oder Computer sitzen, fördert nicht die Sprachentwicklung. Wir sehen einzelne Kinder, die eher englische Worte benützen, z.B. cow, als muttersprachliche. Mit einem Buben, Horatio, nicht schulfähig, konnte ich mich sogar auf Englisch verständigen.

Viel wäre über Einzelschicksale zu berichten. Zwei Beispiele. Ein trauriges, wie es uns immer wieder begegnet: Heute war die Mutter von Edi zu Besuch im Projekt. Sie weinte. Edi wurde in letzter Zeit immer schwieriger, vor allem zu Hause seiner Mutter gegenüber. Die Eltern konnten nicht mehr schlafen, hatten Angst, Edi wurde immer aggressiver, biss und schlug, zerstörte Einrichtungen. Die Eltern haben in der Nacht die Messer versteckt, aus Angst. Und nun haben sie es nicht mehr geschafft. Sie haben Edi in einem Heim untergebracht, wo sie den Eindruck hatten, dass er gut aufgehoben ist. Aber die Mutter saß da und weinte, wusste nicht, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hat, was aus Edi wird. Sie darf die ersten 14 Tage keinen Kontakt mit ihm haben.

Diesen Schicksalen stehen die erfreulichen Erfahrungen gegenüber: Und sei es nur, zu beobachten wie Daniel strahlend und stolz auf Amadeus reitend durch den Garten geführt wird. Wenn Olivia, oben erwähnt, und Anja sich gemeinsam darüber freuen, dass Anja zu dem Bild auf dem Ipad das richtige Wort findet.  Oder wenn Julian, ein schon 16-jähriges Down-Kind sich verabschiedet, weil er sich jetzt  allein durch die Stadt nach Hause begibt und sogar den Bus bewältigt!! Insgesamt sind die Kinder, neben den ganzen Beeinträchtigungen und Alltagshürden, die ihr Leben prägen, eine reine Freude und man spürt den Mitarbeiterinnen beziehungsweise Betreuerinnen an, mit welcher Begeisterung und Empathie, mit welchem Herzblut sie sich für die Kinder und die Arbeit mit Ihnen engagieren können.

Als Themen, die wir weiterverfolgen wollen, stellen sich derzeit etwa die Intensivierung der Arbeit mit den Eltern, die bessere Koordination zwischen den drei Teams, oder die Frage, was wird aus den Kindern, wenn sie älter werden. Wie weit ist es möglich, ihnen Tätigkeiten beizubringen, mit denen sie sich in ihrem Umfeld nützlich machen können, vielleicht sogar, wie Dimitru, einer Art Angestellten-Beschäftigung nachzugehen, in Teilzeit, mit einfachen Aufgaben, z.B. in einem Hotel? Auch bleiben Verwaltungsabläufe, Buchhaltung und Personalarbeit immer zu verbessernde Daueraufgaben. Und nicht zuletzt ist die Frage der Finanzierung, der Mitteleinwerbung für Gehälter, für Sachmittel, z.B. Nahrungsmittel, oder für erforderliche Investitionen, eine permanente Herausforderung.

Soweit mein heutiger Bericht von einer beeindruckenden Reise. Es war kein Erholungsurlaub, ein Tag hin, 1½ Tage im Projekt und wieder zurück. Aber es hat mir einmal mehr bestätigt: Wir unterstützen eine gute Sache. Und hoffentlich, mit Ihrer/Eurer Hilfe weiterhin auch die nächsten Jahre.

Bernd Wagner

Vorsitzender, Projekt BlindenVision e.V.

Daniel auf Amadeus
„3C“ in der großen Halle

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